Rückkehr nach Alma-Ata


Vor dreißig Jahren wurde in Alma-Ata das Konzept primärer Gesundheitsvorsorge (Primary Health Care) verabschiedet.1) Damals ein revolutionärer Schritt. Wurde doch erstmals die Verantwortung aller Bereiche der Gesellschaft für die Gesundheit festgelegt und ein gleichberechtigtes partizipatorisches Gesundheitswesen gefordert. Doch mit der Umsetzung taten sich viele Länder schwer und vielerorts geriet das Konzept in Vergessenheit. Die gesundheitliche Lage verbesserte sich daher nur schleppend – mancherorts gab es sogar Rückschritte. Jetzt versucht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Primary Health Care (PHC) wiederzubeleben.
Der gerade erschienene Weltgesundheitsbericht 2008 befasst sich ausschließlich mit PHC.2) Die Grundprinzipien von PHC sind soziale Gerechtigkeit in der Gesundheit, gleicher Zugang zur Versorgung, Teilhabe an den Entscheidungen über die Gesundheitsversorgung, sektorübergreifende Ansätze (Zugang zu sauberem Wasser, Wohnen, Arbeit, soziale Absicherung usw.) und eine rationale Verteilung der begrenzten Ressourcen. „Gesundheit für Alle im Jahr 2000“, so lautete das 1978 vereinbarte Ziel. Aber bereits 1994 musste die WHO einräumen, dass dieses Ziel nicht erreicht würde.3) Die Umsetzung wesentlicher Teile des PHC-Konzepts war in vielen Ländern gescheitert. Es stieß auf großen Widerstand beim medizinischen Establishment und bei Regierungen, die sich schwer taten, Ungerechtigkeit zu bekämpfen und soziale Teilhabe zu fördern. Nur einzelne Elemente wie das Konzept unentbehrlicher Arzneimittel (Positivlisten) fanden größere Verbreitung. Die Beteiligung an Planungen und Entscheidungen auf Gemeindeebene und die Berücksichtigung von gesundheitlichen Auswirkungen von Entscheidungen in anderen Politikbereichen wurden am wenigsten umgesetzt. Einen gewissen Auftrieb für die Debatte gaben die UN Millenniumsziele 4), die die weltweite Bekämpfung der Armut zur internationalen Aufgabe erklärten. Mehrere der Millenniumsziele beziehen sich auf Gesundheit (Senkung der Mütter- und Kindersterblichkeit, Bekämpfung von AIDS, Malaria und Tuberkulose) oder haben direkte Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung (Armut, Hunger, Bildung von Frauen, Umweltschutz). Die Millenniumsziele sind aber selektiv und beantworteten nur unzureichend die Frage, wie diese Ziele erreicht werden sollen. Deshalb blieb das PHC-Konzept weiterhin von großer Bedeutung, wurde aber in der Debatte zunächst nicht aufgegriffen. Mit der ersten People’s Health Assembly im Jahr 2000 in Bangladesh forderten Gesundheitsgruppen und kritische WissenschaftlerInnen aus aller Welt Gerechtigkeit in der Gesundheit ein.5) Daraus entstand das People’s Health Movement, 6) das nicht unwesentlich dazu beigetragen haben dürfte, die sozialen Aspekte von Gesundheit wieder in die internationale Diskussion zu bringen. Die WHO setzte im März 2005 die „Commision on social determinants of health“ ein,7) die in mehrjähriger Arbeit eine breite Analyse der Probleme und Lösungsvorschläge erarbeitete (wir berichteten 8). Mit dem jetzt veröffentlichten Weltgesundheitsbericht 2) versucht die WHO, einen weiteren Meilenstein in Richtung soziale Gerechtigkeit in der Gesundheit zu setzen. Es bleibt abzuwarten, ob es der Weltorganisation gelingt, die anspruchsvollen Veränderungen wirklich anzustoßen und dabei
die Unterstützung der Mitgliedsstaaten zu finden.

Jörg Schaaber


Mit freundlicher Genehmigung: BUKO Pharma-Kampagne/Pharma-Brief Nr 7/2008.
www.bukopharma.de




1 WHO. Declaration of Alma-Ata, 1978. www. who.int/hpr/NPH/docs/declaration_almaata. pdf Zugriff am 26.10.2008
2 WHO. Primary Health Care. Now more than ever. World Health Report 2008. Genf 2008
3 Margaret Chan. Return to Alma Ata. The Lancet 13 Sep 2008 p 864-865
4 www.un.org/millenniumgoals/ Zugriff am 26.10.2008
5 Weltgesundheitsversammlung von unten. Pharma-Brief 2-3/2001, S. 4-5
6
www.phmovement.org
7
www.who.int/social_determinants/links/ events/launch/en/index.html
8 Ungleichheit ist tödlich. Pharma-Brief 7/2008, S. 1-2


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