Rundbrief 2014


Leben in der Improvisation?

Mein Blick fällt auf einen Plastikeimer, der gefüllt ist mit kandierten Erdnussstückchen. Bittend blickt mich das Gesicht eines afrikaninischen Mädchens an, als wäre gerade ich die letzte Aussicht für ein Geschäft an diesem Tag. An der Busstation drängeln sich kleine und große Verkäufer, die ihre Chance nutzen, ihre Ware an die Fahrgäste des überfüllten Daladallas (Kleinbus) zu verkaufen. Bohnen, Mandarinen, Blattspinat, Tomaten und Bündel voller Zwiebeln werden durch die Fenster in den Bus gereicht. Dazu werden lautstark Summen in Suaheli genannt und besonders wird der Mzungu (Weiße) mit Angeboten bedacht. Manche Fahrgäste greifen zu und verhandeln um jeden kleinen Shilling.


Ich überlege, ob die süßen Erdnüsse in sauberem, einwandfreiem Zustand hergestellt wurden, und verwerfe meine Gedanken mit einem Lächeln. Drei Stücke werden in eine alte Zeitung gepackt und durchs Fenster gereicht. Der Bus fährt an, und gerade im letzten Augenblick wird mir mein Wechselgeld zurückgeworfen.
Bei solchen Szenen wird für mich der Kampf um das tägliche Überleben am deutlichsten. Hier geht es teilweise nur um Cent-Preise, und doch sind sie für die Bevölkerung des kleinen Dorfes am Straßenrand lebensnotwendig. Der Bus rast los und hinterlässt eine rote Staubwolke.

Meine Seele ist noch nicht wirklich in Tansania angekommen. Aus dem satten und sicheren Leben unserer „zivilisierten Welt“ in Deutschland brauche ich zwar mehr als 24 Stunden, aber mein „Innerstes“ hat den Sprung in den afrikanischen Kontinent noch nicht geschafft.

Das Mühen und jedes Engagement hier in der Kigoma-Region ist von der Versorgung der Grundbedürfnisse geprägt. Jeder ist hier beschäftigt und sucht nach Möglichkeiten, an Dinge zu kommen. Ich denke nach, ob gerade dies die Faszination ausmacht, die mich immer wieder staunen lässt und zurück nach Afrika führt. Mit welchem Einfallsreichtum und geduldiger Beständigkeit werden die einzelnen Projekte der Menschen hier verfolgt. Dabei geschieht alles mit einer gewissen Gelassenheit und auch mit Freude, wie ich sie bei uns Europäern und auch bei mir manchmal in Zehdenick vermisse.


Voller Zuversicht bin ich mit meinem Schwager Arne auf den Weg nach Kalinzi, zu Gideon Kibambai und Doktor Malkam Lugoye. Mit der Zusage des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (= BMZ) im Koffer, dort einen Neubau der Gesundheitsstation zu ermöglichen, erreichen wir die Busstation. Die alte Dispensary liegt hinter dem Bergrücken der Muhulu-Berge 40 km vom Tanganjika-See entfernt. Seit mehr als zehn Jahren betreibt Gideon hier eine kleine Gesundheitsstation, die seit zwei Jahren auch vom Arzt Malkam Lugoye verantwortet wird. Bei unserem Besuch 2013 mit meiner Frau Karen (Ärztin) sind uns die desolaten Bedingungen aufgefallen. Wir haben den Vorstand der MMH bewogen, uns um Fördermittel beim BMZ zu bemühen. Acht Monate lange Antragsverfahren führten schließlich zum positiven Bescheid.

Gideon, Malkam und die anderen Mitarbeiter empfangen uns und führen uns, von Kindern umringt, zur Gesundheitsstation. Mein Schwager Arne erweist sich als wichtige Stütze für alle Projektverhandlungen. Als Architekt kennt er sich aus in Bauplanung, Konstruktion und Kalkulierung. Und so gestalten sich die ersten Besprechungen mit Malkam und Gideon sehr aufbauend.

Die nächsten beiden Tage werden vom Partnerschafts-Vertrag zwischen der MMH und der (tanzanischen) MMS sowie den Kostenaufstellungen für die einzelnen Bauabschnitte bestimmt.

Die konkreten Auflagen des BMZ werfen neue Fragen auf, die alle unsere Bemühungen an den Rand des Scheiterns bringen. Es wurde versäumt, die Dorfgemeinschaft von Kalinzi um konkrete Mitarbeit in Form von Arbeitsleistungen zu bitten. Wie oft üblich, hat Gideon dies in der Community angefragt, aber ohne konkrete Zusage als gegeben vorausgesetzt. Der Vertrag braucht jedoch Absprachen und konkrete Zusagen. Dies ist noch nicht erfolgt.


Inzwischen ist auch die Reisegruppe aus Aachen und Wettenberg mit den anderen Vorstandsmitgliedern und den interessierten Freunden der MMH in Kigoma eingetroffen. Am Abend fand die erste Gesamt-Vorstandssitzung der MMH/MMS in Tansania seit Bestehen der beiden Vereine statt. Krisensitzung und die Auflage, noch vor Abreise aller europäischen Teilnehmer eine Sitzung mit Verantwortlichen der Dorfgemeinschaft stattfinden zu lassen, steigern die Spannung.

Zwischendurch ziehen immer wieder die palmengesäumten Straßen mit ihren Lehmhäusern und den improvisierten Verkaufsständen an mir vorbei. Das afrikanische Leben ist von Lebensumständen geprägt, die „wie aus dem Stegreif“ bestimmt sind. Alle Bereiche brauchen eine hohe Flexibilität und die Bereitschaft, schnell umzudenken. Warum nicht auch bei mir? So genieße ich das Flair afrikanischer Köstlichkeiten: Frühstück mit Papaya, Banane, Weißbrot mit Honig aus der Region. Dazu gibt es Africafe oder Schwarztee mit Zucker. Am Tage kochen wir selbst und finden dafür Weißkohl, Paprika, Tomaten, Zwiebeln und....Nudeln... Dazu gibt es Trockenfisch (mit vielen Gräten). Ein Gurkensalat rundet die Mahlzeit ab. Wie genügsam man doch wird. Und doch zählt eine solche Mahlzeit hier in Tansania schon zu einem Hochzeitsessen.


Das Spannendste am Kochen ist vorher jedoch der Gang über den engen Markt in Kigoma. Eine Bretterbude reiht sich neben der anderen . Stoffe verschiedenster Art, Altkleider der Rotkreuz-Container, Werkzeuge und Baumaterialien, Obst-und Gemüsestände, ein überdachter Fischmarkt und ein Bereich für Fleischangebote fordern unsere empfindlichen europäischen Nasen heraus. Immer wieder auffordernde Rufe von Verkäufern: “Mzungu, hapa....“ (Weißer, schau hier...) Mit meinen Suaheli-Kenntnissen ist die fremdelnde Distanz zwischen Schwarzen und Weißen etwas überbrückt und die Themen werden konkreter. So erfahren wir mehr von den Lebensumständen und den Sorgen des afrikanischen Alltags. Während der ganzen Reise begleitet uns eine freundliche, entgegenkommende Atmosphäre.


Mit der Reisegruppe aus Aachen und Wettenberg machen wir uns mit Gideon auf den Weg nach Bugamba. Die zweite Gesundheitsstation am Westufer des Tanganjikasees liegt ca. 40 km nördlich von der Distrikthauptstadt Kigoma entfernt. Mit dem kleinen Boot der MMS fahren wir an den Fischerorten der Küste vorbei. Der Nationalpark Gombe, in dem Jane Goodall mehr als dreißig Jahre Primatenforschung betrieben hat, zieht an uns vorüber. Die Paviane am Strand lassen uns ahnen, dass dort auch die Schimpansen leben, von denen der Reiz dieser Region für viele Touristen ausgeht. Mich zieht es jedoch nach Bugamba weiter. Mein heimlicher Auftrag ist mit einer Spende für die Grundschule in Bugamba versehen: Die Waldhofschule Templin spendet 660 € für die Errichtung neuer Toilettenanlagen. Gesundheitsarbeit beginnt eben nicht nur mit Medikamenten oder mit Verbänden, sondern hat auch die verschiedenen hygienischen Umstände im Blick. Diese Spende ist nur der Grundstock für einen solchen Neubau. Der Anfang für ein Fundament ist gemacht. Nun muss die Dorfgemeinschaft den Rest aufbringen.

Die Tumaini-Gesundheitsstation hat in diesem Jahr etwas rückläufige Zahlen. Ob dies mit einer gesundheitlichen Verbesserung oder mit mangelnder Zahlungsfähigkeit der Kranken verbunden ist, ist nicht herauszufinden. Jedenfalls sind die Mittel zur Behandlung reichlich vorhanden und die Räumlichkeiten „gut in Schuss“. Freundlich winken uns die Mitarbeiter vom Ufer zu, als wir uns wieder auf den Weg zurück nach Kigoma machen. Der Wind hat zugelegt, die Wellen schwappen gelegentlich ins Boot, bis wir dann nach weiteren 4 Stunden in der Dunkelheit im Hafen von Kigoma ankommen.


Schon am nächsten Morgen machen wir uns als kompletter Vorstand der MMH wieder auf den Weg nach Kalinzi. Das Treffen mit der Dorfgemeinschaft soll das Neubauprojekt als Gemeinschaftsaktion von MMH/MMS und Dorfgemeinschaft vertiefen. Neben dem Pastor der anglikanischen Kirche sind Vertreter der Jugendorganisation und Vertreter des Dorfkomitees gekommen. Baupläne und Berichte lassen die Beteiligten erfreut aufhorchen. Lange Antragsphasen beim BMZ hier in Deutschland haben die Erwartung schwinden lassen, dass ein neues Gesundheitszentrum hier in Kalinzi entstehen soll. Nun soll gebaut werden. Aber ohne Eigenbeteiligung der Bevölkerung wird das nicht gehen. Bereitschaft zur Mithilfe hat die Community zum Ausdruck gebracht. Vielleicht sollten Versteigerungsaktionen für Zuckerrohr oder Bananenstauden das Geld von ca. 2000 € zusammenbringen? Letztlich stimmten die Vertreter für „Manpower“. Arbeitskraft als ehrenamtliche Mithilfe während des Bauphase: Wasser holen, Gräben ziehen und Sand schippen. Diese Eigenbeteiligung ist vom BMZ erwünscht. Mit einem rundum guten Gefühl verabschieden wir uns aus Kalinzi. Mein Schwager und ich begleiten die Reisegruppe, die sich auf den Weg nach Tabora macht, zum Bahnhof.

Es ist das einfache Leben, das mich in Afrika fasziniert und mich immer wieder zurückbringt. Grundbedürfnisse bestimmen dieses Leben. Und doch ist es auch immer wieder gefährdet. Erst, wenn man merkt, dass Wasser oder Strom nicht funktioniert, beachtet man den Mangel und spürt die Grenzen.

Die Lebensumstände in der Kigoma-Region sind oft improvisiert, einfach, mit viel Unsauberkeit verbunden. Mangelnde Versorgung, fehlendes Geld und unzureichende Bildung begegnen einem jeden Tag. Auch kulturelle Unterschiede bringen uns als europäische Projektpartner an unsere Grenzen und fordern unsere Geduld und Gelassenheit heraus. Wenn einheimische Mitarbeiter anders entscheiden, als wir erwartet haben, ist unsere Geduld gefordert und einen flexiblen Geist neue Wege zu finden. Gemeinsam!


Unsere Unterstützung für diese Gesundheitsstationen ist weiterhin gefragt. Für ein großes Projekt haben wir uns aufgemacht und vertrauen Gott, dass alle Zeit und alles Geld ausreichen werden, dieses Zentrum zu bauen. Wir erleben gerade, wie sich die ersten Schritte verbindlich ereignen. Die Dorfbevölkerung engagiert sich mit Eigenbeteiligung. Der erste Spatenstich beginnt im September.
Aber auch mit Ihrem Engagement hier in Deutschland, zum Beispiel für die regelmäßigen Kosten beider Gesundheitsstationen, erleben wir gute und starke Unterstützung unserer Arbeit.

Im Einzelnen sind es unsere Mitglieder, besonders aber Sie als Spender, als Gemeinde, und als Kirchenkreis, die Sie diese Arbeit mittragen und „am Laufen halten“. Jede Initiative Ihrer Gemeinde, jeder Bastelabend oder jedes Projekt in der Schule macht auf die Problematik in Tansania aufmerksam.

Jeder Euro hat hier einen Mehrwert des zehnfachen. Und noch vielmehr gilt das Wort eines tansanischen Pfarrers, der zu mir sagte: „Nicht das Geld, das ihr schickt, ist mir das Wichtigste; vielmehr, dass ihr an unserem Leben Anteil habt und wir nicht vergessen sind. Das verbindet uns.“

Jörg Kerner


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