Migration am Beispiel

Die Nachfrage nach qualifiziertem Gesundheitspersonal in den Industrieländern führt zur Abwanderung von Krankenschwestern und Ärzten mit verheerenden Folgen für die Gesundheitssysteme der Entwicklungsländer


Die massive Abwanderung von Krankenschwestern, Hebammen, Ärzten und Ärztinnen aus armen in reichere Länder ist eine der größten Herausforderungen, vor die uns die internationale Migration heute stellt. Einerseits ist die Migration für immer mehr qualifizierte Frauen und Männer eine Möglichkeit, ihr eigenes Leben und die Lebensverhältnisse ihrer Familien zu verbessern. Andererseits stehen ihre Heimatländer vor einer schweren medizinischen Versorgungskrise.

Die Auswirkung des braindrain ist in den ohnehin angeschlagenen Gesundheitssystemen der Entwicklungsländer besonders deutlich zu spüren. Jüngsten Studien zufolge ist der Anteil der Beschäftigten im Gesundheitswesen, die zur Auswanderung entschlossen sind, in den am schwersten von HIV/Aids betroffenen Regionen besonders hoch. 68 Prozent der Befragten in Simbabwe und 26 Prozent in Uganda wollen ihr Land verlassen, um im Ausland zu arbeiten. Die Weltkommission für internationale Migration (GCIM) berichtet, dass derzeit in der nordenglischen Stadt Manchester mehr malawische Ärzte praktizieren als in ganz Malawi. Von den 600 Ärzten, die seit der Unabhängigkeit 1964 in Sambia ausgebildet wurden, arbeiten derzeit nur 50 in ihrem Heimatland.


Abwanderung von Krankenschwestern

Aufgrund von Niedriglöhnen, schlechten Arbeitsbedingungen und mangelnden beruflichen Chancen entschließen sich viele Krankenschwestern dazu auszuwandern. Im Jahr 2000 haben doppelt so viele Krankenschwestern Ghana verlassen wie dort im selben Jahr ausgebildet werden konnten. Zwei Jahre danach schätzte das ghanaische Gesundheitsministerium die Zahl der offenen Stellen für Krankenschwestern auf 57 Prozent. Im Jahr 2003 meldeten Jamaika und Trinidad und Tobago 58 bzw. 53 Prozent vakante Stellen für Krankenschwestern. Im selben Jahr arbeiteten schätzungsweise 85 Prozent aller philippinischen Krankenschwestern im Ausland.

Die Abwanderung von Krankenschwestern verursacht erhebliche Probleme für die Gesundheitssysteme der betroffenen Länder. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt ein Verhältnis von mindestens 100 Krankenschwestern pro 100.000 Menschen. Viele Entwicklungsländer erreichen diese Quote jedoch nicht einmal annähernd. In einigen Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik, Liberia und Uganda kommen weniger als zehn Krankenschwestern auf 100.000 Menschen. In Industrieländern wie Finnland und Norwegen sind es dagegen 2.000 Krankenschwestern pro 100.000 Menschen. In Europa ist das Verhältnis durchschnittlich zehnmal höher als in Afrika und Südostasien.

Nachfrage in den Industrieländern steigt in den nächsten Jahren

Maßnahmen zur Eindämmung des Zustroms von Gesundheitsarbeitern, wie sie derzeit in Kanada und in Großbritannien ergriffen werden, haben wenig Aussichten auf Erfolg, da die Nachfrage nach medizinischem Personal hoch ist. Die WHO schätzt, dass Großbritannien bis zum Jahr 2008 insgesamt 25.000 Ärzte und 250.000 Krankenschwestern mehr brauchen wird als im Jahr 1997. Die US-Regierung geht davon aus, dass in den USA bis 2020 mehr als eine Million Krankenschwestern eingestellt werden müssen. Kanada und Australien prognostizieren für die nächsten vier bis fünf Jahre den Bedarf an 78.000 bzw. 40.000 Krankenschwestern. Die steigende Nachfrage ist zu großen Teilen durch die demographische Entwicklung der Industrieländer bedingt: Sinkende Geburtenraten und eine steigende Lebenserwartung haben eine Alterung der Gesellschaften zur Folge.

Mit freundlicher Genehmigung DSW
Die ausführliche Zusammenfassung des Berichts im PDF-Format (112 KB) finden Sie unter:
http://www.weltbevoelkerung.de/pdf/wbb_2006_zusammenfassung.pdf


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