Klimawandel und Migration


Vieles deutet darauf hin, dass der Klimawandel eine bedeutende Triebfeder für künftige Wanderungsbewegungen sein wird.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation haben klimatische Veränderungen im Jahr 2000 rund 150.000 Menschen zusätzlich das Leben gekostet – durch extreme Hitzewellen, stärkere Stürme und andere Naturkatastrophen. Insgesamt 25 Millionen Menschen wurden bereits durch die sich verändernden Umweltbedingungen vertrieben. Besonders Menschen, die in flachen Küstenregionen leben, sind in Gefahr.

Gehen oder bleiben?

Wenn Oreba heute aus ihrer Hütte heraustritt, steht sie im Meer. Sie und ihr Mann Titera leben in Tebike Inano im Süden von Tarawa, dem Hauptatoll der Inselrepublik Kiribati. Oreba hat miterlebt, wie das Wasser steigt. Die Familie musste den Boden der Hütte schon mehrfach mit Sand aufschütten, um ihn trocken zu halten. "Wir möchten bleiben", wünscht sich Oreba. "Aber wenn das Wasser weiter steigt, dann müssen wir gehen. Die Frage ist nur, wohin."

Dieses Beispiel aus dem aktuellen Weltbevölkerungsbericht zeigt, wie dringlich die Frage "Gehen oder Bleiben" in Folge des Klimawandels mittlerweile für viele Menschen geworden ist. Die Wahrscheinlichkeit großer Bevölkerungsbewegungen steigt, je mehr Menschen von Überschwemmungen bedroht, von Dürren heimgesucht oder aus anderen Gründen zur Abwanderung gezwungen werden. Nicht immer ist der Zusammenhang zwischen Klimaänderungen und Migration so deutlich wie in Kiribati. Und nicht immer ist der Druck so überwältigend.

Aber wenn der Meeresspiegel so weit ansteigt, wie das die meisten Klimaexperten heute erwarten, werden viele Millionen Menschen, die in Küstengebieten und Hafenstädten leben, ihr Zuhause verlassen müssen. Längere und heftigere Dürreperioden könnten immer mehr Bauern dazu veranlassen, auf der Suche nach einer neuen Lebensgrundlage in die Städte zu ziehen. Und in einigen Regionen könnte die fortschreitende Umweltzerstörung die Menschen dazu nötigen, ihr Heil in der Flucht ins Ausland zu suchen.


Klimabedingte Wanderungsbewegungen

Die Gründe dafür, warum Menschen ihre Heimat verlassen oder fliehen, sind vielfältig und komplex. Das macht es auch so schwer, Prognosen über den Einfluss des Klimawandels auf die künftigen Migrationsbewegungen zu erstellen. Allerdings deutet vieles darauf hin, dass der Klimawandel eine bedeutende Triebfeder für künftige Wanderungsbewegungen sein wird. Diese werden sich wahrscheinlich vor allem in Form von Binnenmigration innerhalb von Ländern abspielen; aber auch die internationale Migration dürfte zunehmen.

Das Ausmaß der künftigen klimawandelbedingten Bevölkerungsbewegungen lässt sich jedoch nur schwer abschätzen. Die Angaben variieren entsprechend sehr stark von 50 Millionen bis zu einer Milliarde Menschen, die bis Mitte des Jahrhunderts entweder innerhalb eines Landes oder grenzüberschreitend zeitweise oder permanent auf der Flucht sein werden. Die am häufigsten genannte Zahl ist 200 Millionen.

Umweltbedingte Migration nicht nur negativ

Umweltbedingte Migration ist nicht generell negativ. In manchen Fällen profitieren Individuen und Gemeinwesen von ihr. Zurückkehrende Migranten bringen oft neue Fähigkeiten und Kenntnisse mit, mit denen sie vor Ort die Wirtschaft fördern können. Mobilität kann Menschen dabei helfen, sich besser an Umweltänderungen anzupassen. Immer mehr spricht dafür, dass Mobilität in Verbindung mit Einkommensdiversifikation eine wichtige Strategie darstellt, die Verwundbarkeit gegenüber Risiken zu minimieren. Sie versetzt Menschen zum Beispiel in die Lage, Rücklagen zu bilden. Eine Politik, die sich auf die Mobilität von Menschen einstellt und sie gezielt unterstützt, ist deshalb wichtig für die Anpassung an den Klimawandel und für die Erreichung allgemeiner Entwicklungsziele.

Dies belegt ein anderes Beispiel aus dem aktuellen Weltbevölkerungsbericht: Kolumbien hat ein Programm ins Leben gerufen, mit dem die Saisonarbeit in Spanien gefördert wird. So verdienen die Migranten Geld, mit dem sie die Gesundheitsversorgung ihrer Familien, die Bildung ihrer Kinder und den Bau von Häusern finanzieren können. Zudem können sie Geld in Projekte zu investieren, von denen ihre Kommunen in der Heimat profitieren. Gleichzeitig erwerben sie neue Fertigkeiten und Kenntnisse. Durch das von der Europäischen Union unterstützte Programm erhalten die Menschen in Kolumbien eine Alternative zum dauerhaften Wegzug.

Die Autoren des Weltbevölkerungsberichts ziehen die Konsequenz aus derartigen Erfahrungen und fordern die Regierungen auf, die Planung und das Management von umweltbedingten Bevölkerungsbewegungen zu verbessern sowie in Katastrophenminderung und -vorsorge zu investieren.

Mehr zum Thema Umweltmigration erfahren Sie in der Kurzfassung des UNFPA-Weltbevölkerungsberichts 2009 "Eine Welt im Wandel: Frauen, Bevölkerung und Klima".

Ein gedrucktes Exemplar der Kurzfassung des UNFPA-Weltbevölkerungsberichts 2009 können Sie gegen eine Schutzgebühr von 1,50 Euro bei der
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Entnommen DSW[newsletter] November 2009
Mit freundlicher Genehmigung


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