Hygiene

Schlecht bestellt um die Hygiene

40% der Weltbevölkerung leben ohne Toilette

Die Vereinten Nationen haben 2008 zum Jahr der Hygiene erklärt, um dem sträflich vernachlässigten Thema größere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Keine andere Zielvorgabe der Millennium Development Goals (MDG) bleibt nämlich so weit hinter den Erwartungen zurück wie die Verbesserung sanitärer Infrastuktur.* Bis 2015 – so das angestrebte Entwicklungsziel – soll die Zahl der Menschen, die ohne grundlegende sanitäre Einrichtungen leben, halbiert werden. Doch bisher sind kaum Fortschritte zu verzeichnen. Afrika südlich der Sahara wird das MDG-Ziel voraussichtlich erst in rund 70 Jahren erreichen.

„Das Ausmaß der sanitären Krise ist immens“, heißt es gleich zu Beginn einer aktuellen Publikation von UN-HABITAT, dem Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen, WaterAid und anderen Organisationen. Fehlende Hygiene bedeute nicht nur vermeidbare Krankheitsfälle. Sie verletze auch die Menschenwürde und schade der Umwelt. Der größte Teil derer, die keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen haben, lebt in den ärmsten Weltregionen und verdient weniger als zwei US-Dollar am Tag.


Plumpsklo Dispensary Bugamba

Kinder und Frauen Opfer

Kinder unter fünf Jahren sind die Hauptopfer der Misere: 90 Prozent aller durch mangelnde Hygiene bedingten Todesfälle sind Kleinkinder. Rund 5000 Kinder sterben täglich weltweit an Durchfallerkrankungen. Mehr noch: Millionen Kinder sind körperlich beeinträchtigt, geistig behindert oder schwer unterernährt, weil sie durch Kontakt mit menschlichen Exkrementen krank werden oder weil ihr Darm von Parasiten befallen ist. Aber auch Frauen sind besonders von der sanitären Krise betroffen, denn Kinder und Haushalt liegen meist in ihrer Verantwortung. Mädchen und Frauen leiden unter Infektionen, weil sie sich wegen Wassermangels während ihrer Menstruation nicht waschen können. Fehlende Toiletten vergrößern zudem das Risiko von Übergriffen und Vergewaltigung.
Technische Lösungen allein seien jedoch nicht geeignet, die vielfältigen Probleme zu lösen, so der Bericht zur sanitären Lage. Hygiene müsse unter humanitären Aspekten definiert werden. Nur so könne man geeignete politische und rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, die allen Menschen dauerhaft den Zugang zu sanitären Einrichtungen sichern.** Hygiene müsse auch in nationalen Verfassungen als Menschenrecht verankert sein, auf die sich EntscheidungsträgerInnen, Zivilgesellschaft, RichterInnen und Individuen berufen können.


In armen Staaten wachsen z.B. die Großstädte rasant, ohne dass den Bedürfnissen der BewohnerInnen Rechnung getragen würde. Ein Beispiel ist der Stadtteil Kibera in Kenias Hauptstadt Nairobi. Dort breiten sich illegale Wohnsiedlungen aus. Landlords wissen das Rechtsvakuum geschickt zu nutzen und verschachern billig errichtete Behausungen ohne fließend Wasser und Toiletten an Neuankömmlinge. Internationale Menschenrechte sind ein wichtiges Instrument, um solche Zustände zu verbieten und die Verantwortlichen in die Pflicht zu nehmen. Regierungen sind gefordert, angemessene Hygiene-Standards aufzustellen und dafür zu sorgen, dass die Landlords beim Siedlungsbau diesen Verpflichtungen nachkommen. Oft fehle der politische Wille, um Veränderungen herbeizuführen. Aber häufig scheitere eine Verbesserung der Hygiene auch an fehlenden nationalen und lokalen Strategien oder daran, dass die Zuständigkeiten öffentlicher und privater Handlungsträger für die verschiedenen Aspekte von Hygiene nicht geklärt sind. Ebenso unzureichend sei die politische Partizipation und Mitsprache der Betroffenen und ihr Zugang zu Informationen. Vor allem Frauen blieben nicht selten vom Prozess politischer Entscheidungsfindung ausgeschlossen.***

Schlechte Hygiene kostet

Verbesserungen in der Hygiene zählen zu den kosteneffektivsten Maßnahmen, doch bisher haben viele Regierungen es versäumt, solche Themen zu propagieren. Stattdessen entziehen wasserbedingte Krankheitsfälle den ärmsten Staaten der Erde viel Geld, das dringend anderswo benötigt würde. Hygienebedingte Krankheiten beeinträchtigen auch zahlreiche andere Bereiche, etwa die Schulbildung. Denn Kinder, die krank sind, können nicht zur Schule gehen, Erwachsene, die krank sind, nicht arbeiten. Es wird Zeit, den Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen als Menschenrecht zu begreifen. Regierungen, Kommunen und Individuen tragen Verantwortung dafür, dieses Menschenrecht umzusetzen.

Claudia Jenkes


* Cohore, UN-HABITAT, WaterAid, SDC: Sanitation: A human rights imperative. Genf 2008, S. 1
** aaO S. 5
*** aaO S. 31


Mit freundlicher Genehmigung aus Pharma-Brief 9/2008 der BUKO-Pharma-Kampagne


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