Über die Liebesbeziehung

Über die Liebesbeziehung zu einem Kühlschrank
oder
Ein großer Tag im Leben von Selima

Der erste Mittwoch in jedem Monat ist ein ganz besonderer Tag für Selima. Selima ist Krankenschwester und verantwortlich für die Mutter-Kind-Klinik in Nkalinzi/Tanzania. Sie wiegt die Schwangeren und die Säuglinge, trägt die Daten sorgfältig in die Vorsorgekarten ein, die die Mütter mitbringen. Den Müttern erklärt sie, wie man sich und die Kinder richtig ernährt, dass man das Wasser abkochen muss, ehe man es trinkt. Vor allem aber ist Selima verantwortlich für die Impfungen der Kinder. Masern Neugeborenentetanus, Keuchhusten sind immer noch die „Killerkrankheiten" in der 3.Welt. Dazu kommen Diphterie und Tuberkulose. Es sind Krankheiten, die für 1/3 aller kindlichen Todesfälle verantwortlich sind. Selima weiß, wie wichtig es ist, möglichst viele Kinder in ihrem Distrikt rechtzeitig noch vor dem vollendeten l. Lebensjahr zu impfen. Nur so besteht überhaupt eine Chance, die gesundheitliche Situation nicht nur der einzelnen Kinder sondern der ganzen Region zu verbessern. Hierfür ist sie in ihrem Gesundheitsteam verantwortlich. Selima tut ihre Arbeit gerne.

An jedem ersten Mittwoch im Monat hat Selima frei. Obwohl sie ihre Arbeit gerne tut, freut sie sich auf diesen Tag schon lange vorher. Dann nämlich muss sie nach Kigoma (Regional-Hauptstadt) fahren, um die Impfseren für den kommenden Monat im zuständigen Büro abzuholen. Es ist ihr großer Tag. Dann kann sie auch auf den Markt gehen, sich evtl. eine neue Kanga (Kleidungsstück ) kaufen oder ihre Freundin besuchen. Für sie ist Kigoma das Tor zur großen weiten Welt. Sie erfährt Neuigkeiten aus der Hauptstadt oder aus anderen Teilen des Landes. Dieser Tag gehört ihr ganz allein.

Pünktlich um 6 Uhr startet der große Lastwagen, der sie mit in die Stadt nimmt, vollbeladen mit Kochbananen vom Dorf für den Markt in der Stadt. Sie sucht sich einen Platz hinter dem Fahrerhaus und hüllt sich ein in ihre Kanga. Morgens ist es noch kalt. Mühsam und gefährlich schaukelt und schwankt der Lastwagen die steile und felsige Piste hinunter dem Tal entgegen. Sie klammert sich fest an ihre leere Kühlbox, in die sie den Impfstoff hineinpacken wird.
Für die 20 Kilometer benötigen sie fast l ½ Stunden.


Die ersten Häuser und Hütten der Stadt tauchen auf, Kinder lärmen auf dem Weg zur Schule. Endlich beschleunigt der Fahrer seine Fahrt. Sie haben die Asphaltstraße erreicht. Es ist nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel.

Erst gegen Mittag kann Selima die Ampullen und Fläschchen mit den Impfstoffen in dem zuständigen Büro der Gesundheitsbehörde abholen. Mittlerweile ist es heiß geworden. Sie klopft leise an die schwere Eisentür und betritt dann etwas zögernd den großen Raum. Sie wird freundlich begrüßt. Man kennt sie hier. Schüchtern legt sie ihren Bestellzettel für den Impfstoff und den letzten Monatsbericht mit den Statistiken über die durchgeführten Impfungen vor. Die verantwortliche Distriktschwester, ihre Vorgesetzte, überfliegt den Bericht und blickt Selima dann unvermittelt an: " Umefanya vizuri tena (Du hast wieder gute Arbeit geleistet). Ihr müsst viel zu tun haben". „Ja, Gott sei Dank", antwortet Selima , „und auch Dank unseres neuen Kühlschranks", fügt sie noch schnell nicht ohne Stolz hinzu. "Seit wir den neuen Kühlschrank für die Impfstoffe haben, kommen die Mütter mit ihren Kindern. Vorher war nichts los, da hatte ich nichts zu tun. Da hieß es nur, Ihr habt ja doch keinen Impfstoff. Warum sollen wir dann zu Euch kommen?". Aber seit einigen Monaten hatten sie einen Kühlschrank, der mit Petroleum betrieben wurde, elektrischen Strom gab es ja in der ganzen Region nicht. So konnten sie endlich die hochempfindlichen Impfstoffe für Masern, Kinderlähmung, Tetanus lagern. Der Erfolg der Impfungen und damit die Gesundheit und das Wohlergehen der Kinder hing ganz entscheidend von der richtigen Lagerung der Impfseren ab. Wenn die Kühlung für bestimmte Impfseren auch nur für eine Stunde unterbrochen wurde, waren die Impfstoffe bei den Temperaturen verdorben und das Leben der Kinder in Gefahr. Selima achtete genau darauf, dass der Kühlschrank immer die richtige Temperatur hatte, dass genügend Petroleum vorhanden war, dass die Impfseren im Kühlschrank korrekt gelagert waren. Schnell packt sie ihre Bestellung in die mitgebrachte Kühlbox. Sie musste sich eilen, der Lastwagen würde nicht auf sie warten. „ Wenn das so weitergeht, braucht ihr bald eine größere Kühlbox ,„ lachte die Vorgesetzte und verabschiedete Selima, die rasch nach draußen verschwand. „Wenn doch nur alle so gewissenhaft arbeiten würden wie Selima", seufzte die Vorgesetzte, „ und wenn alle Ambulanzen in der Region einen solchen Kühlschrank hätten".

Müde aber zufrieden erreicht Selima spät nachmittags die Ambulanz in Nkalinzi. Den Impfvorrat für den kommenden Monat verstaut sie sorgfältig in dem Kühlschrank. Sie freut sich schon auf den kommenden Tag, auf die vielen Mütter mit ihren Kindern. Heute war ein guter Tag für sie . Etwas verlegen und so, dass niemand es sehen konnte, streichelt ihre Hand fast zärtlich über den Kühlschrank.

Gerd Propach


Die Asphaltstraße nach Kigoma

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