Maisha heißt Leben

Nennen wir die junge Frau Neema. Neema ist 26 Jahre alt, hat 3 Kinder, lebt in Rukoma, einem Dorf zweihundert Kilometer von der Regionalhauptstadt entfernt. Neemas Mann verdient sein Einkommen mit ein wenig Fischfang. Sie selbst muss ein Stück Land bearbeiten. Hungern muss die Familie nicht, obwohl es manchmal doch knapp wird gerade in der Trockenzeit. Das Einkommen ist nie sicher. Neulich gab es ein Fangverbot wegen Überfischung. Neema und ihr Mann haben 3 Kinder, 3 Kinder haben sie schon verloren, zwei sind an Durchfall, eines wohl an einer Lungenentzündung gestorben. Das erste Kind hatte das erste Lebensjahr noch nicht erreicht, die beiden anderen waren gerade einmal 3 Jahre alt, als sie starben. Nun macht Neema ihre Älteste wieder Sorgen. Die Kleine heisst Maisha, das heißt auf Kiswaheli „Leben“. Sie hatten sich so gefreut, dieses Kind zu bekommen, nachdem sie schon kurz hintereinander zwei verloren hatten. Dieses Kind sollte leben. Sie waren voller Hoffnung, dass es ihnen nicht genommen würde.

Maisha hatte schon seit zwei Tagen Fieber. Das kommt öfters vor, gerade in der Regenzeit. Alles ist nass, feucht, klamm. Rauch hängt in dem Haus, einen Schornstein haben sie nicht. Diesmal stimmt etwas nicht mit dem Kind. Eine Mutter spürt so etwas. Neema reibt das Kind mit Öl ein. Das hatte ihre Mutter ihr beigebracht. Bei Fieber durfte sie dem Kind nicht viel zu trinken geben, auch das wusste sie von ihrer Mutter. Medikamente hatte sie keine, nicht eine einzige Tablette.
Der Durchfall von Maisha trat ganz plötzlich und heftig auf, fast zerriss es den kleinen Körper. Was sollte Neema nur machen? Es war mitten in der Nacht, die Familie schlief. Maisha lag still in den Armen ihrer Mutter. Die Ambulanz im Nachbarort war nicht besetzt. Sie wusste, der Medical Assistant (Hilfsarzt) war nicht da. Er wollte in die Stadt. Es gab sowie so nichts zu tun, die Medikamente fehlten. Es wurden vom Staat nur wenige Arzneimittel regelmäßig zugeteilt. Diese reichten jeweils höchstens für ein bis zwei Wochen. Die nächste Ambulanz lag eine Tagesreise entfernt, dazwischen der Fluss. Jetzt in der Regenzeit war es unmöglich, auf die andere Seite zu gelangen. Neema musste aufstehen, die kurze Nacht war schon vorbei, das Feuer anmachen, das Essen zubereiten, aufs Feld. Ihre jüngere Schwester, die mit in ihrem Haus lebte, würde nach Maisha sehen, wahrend sie unterwegs war. Neema ging zur Nachbarin, fragte sie, sie wusste immer Rat. Sie gab ihr einige getrocknete Kräuter für einen Sud. Die Flüssigkeit sollte Neema ihrem Kind in den After einfuhren, am besten durch ein Rohr einblasen. Das würde helfen, mit Sicherheit. Nein, Medikamente, Tabletten hatte auch sie nicht.
Müde kehrte Neema abends vom Feld zurück. Das Fieber der Kleinen war gestiegen. Neema nahm ihr Kind in die Arme. Nur selten hatte sie eines ihrer Kinder in den letzten Jahren so in den Armen halten können.
Neema nahm den kleinen, heißen Körper, trug ihn vorsichtig auf ihr Lager. Und wieder lag die Nacht vor ihr, dunkel und lang. Es war still im Haus. Die Kleine atmete schwer, ab und zu kam ein Jammern von ihren trockenen Lippen, die Augen waren glasig im Schein der fahlen Petroleumlampe. Gleich würde sie aufbrechen. Noch in der Nacht würde sie sich auf den Weg in das Krankenhaus machen, ging es Neema durch den Kopf. Der Weg war weit, sehr weit, 5-6 Stunden Fußweg . Aber Neema hatte Angst, wieder ein Kind zu verlieren. Sie betete zu Gott, bat inbrünstig um Schutz und Segen, um Gesundheit für ihr Kind.
Maisha fühlte sich kaltschweißig an. Nur ein wenig wollte Neema ausruhen. Sie war noch so müde vom vergangenen Tag. Auch der morgige Tag würde wieder hart werden.
Sie war eingeschlafen. Vom leisen Stöhnen und vom schweren stossweisen Atmen ihres Kindes wurde Neema wach. Die kleine Tochter sah ihre Mutter suchend und angstvoll an. Nie würde Neema diesen Blick vergessen.
Der Tod war kam schnell, lautlos, so wie bei all den anderen Kindern, die an jenem Tag oder auch heute gestorben sind. So, wie bei all den Kindern, die jeden Tag sterben, heute, morgen, übermorgen, namenlos, lautlos, nahezu unbemerkt. Ohne Lobby, die ihr Anliegen in den Medien vertritt, ohne Spendenaufrufe, ohne Anteilnahme.
8.000 sollen es sein, die jeden Tag an Durchfall sterben, ähnlich wie Maisha.

Gerd Propach


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