Erfahrungen

Erfahrungen

„Und? Wo bleibt nun Dein Pater Matthew?“ unterbrach meine Frau schneidend die Stille.
Die Stimmung in unserem Landrover war gereizt, um nicht zu sagen bis zum Zerreißen gespannt. Die Nerven lagen blank.
Wir waren auf dem Weg zu Pater Matthew, einem befreundeten indischen Priester, der als Missionar in einer tansanischen Gemeinde lebte und arbeitete. Er hatte uns eingeladen. „Wenn Ihr aus Nzega fahrt, nehmt den Weg rechts an der nächsten größeren Kreuzung und haltet Euch immer geradeaus. Ihr könnt uns nicht verfehlen.“ So hatte er geschrieben.
Wir waren an der Hauptstraße abgebogen. Der Weg, anfangs breit und übersichtlich, wurde schmaler und schien sich irgendwo zu verlieren. Ich verfolgte mühsam und angestrengt seine Spur. Nichts als endlose Weite bis zum Horizont.
Ich ging in Gedanken alles noch einmal durch. Immer wieder und wieder. Sollte Mathew vielleicht gedacht haben, wir kommen von Norden? Hatte er rechts mit links verwechselt, oder ich?
Egal. Nur ja jetzt nicht unsicher werden, das würde alles noch schlimmer machen.


Ich tat gelassen. Wir waren 5 Erwachsene und unsere beiden Kleinen, Marie-Christin und Christian. Die Sonne stand tief am Himmel. Gleich würde die Dunkelheit über uns hereinbrechen.
Ich hatte die Orientierung verloren und wusste nicht, wo wir uns befanden.
Wir waren irgendwo in der afrikanischen Savanne. Keine Karte. Kein Kompaß. Dafür Termitenhügel, Wasserlöcher, Büsche, Sträucher und der Weg vor uns kaum auszumachen.
Keine Ahnung, wo er uns hinführte. Die Dunkelheit senkte sich rasch über uns. Die Scheinwerfer unsers Landrovers tasteten sich unruhig und mühsam durch die sinkende Nacht. Meine Anspannung wuchs. Hier gab es wilde Tiere. Funkelten da und dort nicht Augen? Wir konnten unmöglich hier aussteigen. Wie und wo sollten wir die Nacht verbringen? Die Gedanken jagten durch meinen Kopf.
Fieberhaft ging ich alle Möglichkeiten durch, hoffte und betete, dass doch endlich eine menschliche Behausung auftauchte.
Irgendetwas, was unsere Situation klärte und uns vielleicht weiterhalf.

Da! Ein Lichtschein. Waren es Hirten, die sich an ihrem Lagerfeuer wärmten? Oder Honigsucher, die in der Gegend nachts auf den Bäumen den Wildhonig einsammelten? Schlimmstenfalls waren es Wilderer, auch die sollte es in der Gegend geben. Aber die konnte man wenigsten fragen. Vorsichtig lenkte ich den Wagen auf die unruhige Lichtquelle zu. Ich achtete nicht mehr auf den Weg, sondern hatte nur noch das flackernde Licht vor Augen. Plötzlich ragte unvermittelt ein großes Gebäude vor uns auf. Eine Kirche, mitten in dieser Einöde. Irgendwo eine Trommel, ein Chor sang.
„Wer sagst denn“, entfuhr es mir erleichtert und ein wenig triumphierend. „Man muss nur Geduld haben. Immer diese Aufregung“. Ich stieg aus, ging fast ein wenig beschwingt in den Raum, der durch mehrere Petroleumlampen, die uns den Weg gewiesen hatten, erleuchtet war.
Ich lauschte entspannt den afrikanischen Rhythmen und Klängen, froh endlich am Ziel zu sein.
Der Chorleiter bemerkte mich, unterbrach die Liedprobe und kam auf mich zu.
Ich grüßte, stellte mich vor und fragte nach Pater Matthew.
„Ah, Pater? Ja, natürlich. Da drüben, geh hinter die Kirche, da findest Du ihn“.
Ich ging zum Wagen zurück.
„Na, seht Ihr. Drüben hinter der Kirche wohnt er. Gleich sind wir da.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Wir fuhren weiter. Ein geöffnetes großes Eisentor.
Ich ließ das Licht des Wagens an. Ein Hund kläffte wütend.
Eine Tür öffnete sich. Vor mir ein athletisch gebauter Mann, muskelstarke Arme mit Tätowierungen , kurzärmeliges weißes T-Shirt, kahler Schädel. Typ Fremdenlegionär. Das Gewehr im Anschlag passte zu ihm. Ich hielt respektvoll Abstand und grüßte unsicher. „Ich möchte gerne zu Pater Matthew“.
Er sah mich fragend an. „Kenne ich nicht. - Doch, ja, warte, vor 30 Jahren muss es hier mal einen Pater Matthew gegeben haben. Aber jetzt, nein. Nein, da sind Sie hier falsch!“
Er musste meine Enttäuschung, ja, Verzweiflung bemerkt haben.
Er stellte sich vor. Er komme aus Belgien, sei Priester der hiesigen Diözese. Sein Mitbruder sei zum Heimaturlaub in Frankreich. Er sei seit Wochen ganz alleine hier in dem Haus.
Ich deutete auf sein Gewehr, das er immer noch im Anschlag auf mich hielt. Es machte mich etwas nervös. „Ach so. Keine Angst. Aber hier gibt es viele ungebetene Gäste. Besonders nachts braucht man hier so etwas, auch wegen der Schlangen, Kobras. Sie müssen wissen, die kommen immer zu zweit. Wenn man eine sieht, ist die zweite nicht weit.“
Er hielt inne, senkte das Gewehr – fuhr dann fort: „Sie können unmöglich heute weiterfahren. Das ist viel zu gefährlich“.
Er machte eine kleine Pause und lächelte etwas verlegen.
“Wissen Sie, ich bin sehr einsam. Seit Wochen lebe ich allein hier. Heute Morgen habe ich zu Gott gebetet, er möge doch im Laufe des Tages Besuch vorbei schicken. Die Einsamkeit war für mich irgendwie unerträglich. Ich hatte keine Ahnung, wie das hier passieren sollte. Ich habe auch nicht mehr damit gerechnet, dass jemand vorbeikommt.
Und nun, nun sind Sie da.- Wie viel Betten brauchen sie?“ „Fünf“, antwortete ich. „Wir sind fünf Erwachsene. Die Kinder schlafen unterwegs immer bei uns Eltern in den Betten“.
Der Priester lachte. „Sehen sie, ich habe heute früh fünf Betten bezogen. So sorgt Gott für uns. Kommen sie. Herzlich willkommen.“
Und ehe ich mich versah, verschwand er in der Küche und hantierte mit Töpfen, Tellern und Schüsseln.
Es wurde ein langer Abend. Am nächsten Morgen konnten wir unsere Reise fortsetzen, ausgeruht und getröstet mit der Gewissheit, Gott sorgt für uns, für den Priester und auch für uns.
Und Pater Matthew? Bei dieser Reise haben wir ihn verpasst.
Er schrieb uns später, er habe an diesem Abend lange auf uns gewartet. Er sei davon ausgegangen, sicher sei irgendetwas dazwischen gekommen, was ja nicht ungewöhnlich bei diesen Strassenverhältnissen sei. Aber unsere Erfahrungen seien es wert gewesen, dass wir uns verpassten.

Gerd Propach


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