Eine normale Choleraepidemie

Ein ganz normale Choleraepidemie



Es war schon spät am Abend. Die Alte sah erbärmlich aus auf ihrer Trage. Vier Männer hatten sie den weiten Weg vom See ins Krankenhaus, das hoch in den Bergen im Landesinnern lag, getragen. Sechs Stunden waren sie unterwegs. Ohne Rast, fast im Laufschritt hatten sie den weiten und beschwerlichen Weg zurückgelegt. Erbrechen, Durchfall, der Puls ging schnell. Die diensthabende Schwester stellte kurz einige Fragen. Routine.
Mitten in der Nacht kam eine weitere Aufnahme. Diesmal ein kleiner Junge auf dem Rücken seiner Mutter. Die Augen lagen tief, glasig. Erbrechen. Durchfall. „Wie Wasser", bemerkte die Mutter. „Wo kommst Du her?", fragte die Schwester. „Unten vom See, wir waren 7 Stunden unterwegs". Kurze Zeit später, wieder Unruhe und Rufe am Tor. Der Nachwächter öffnete verschlafen und unwillig. Das fahle Licht seiner Petroleumlampe fiel auf das eingefallene Gesicht eines alten Mannes, der halb tot zusammengekrümmt auf seiner Maschela (Tragbahre) lag. Seine Söhne hatten ihn gebracht. Auch er aus einem der Dörfer am See. Durchfall, schlagartiger Beginn, Erbrechen, kein Fieber, rasender Puls. „Cholera", durchfuhr es Schwester Elfi. Sie war lange genug hier, um sich sicher zu sein. Sie brauchte keine bakteriologische Untersuchung. Fast jedes 2. oder 3. Jahr am Ende der Regenzeit gab es hier eine Epidemie. Flüchtlinge aus dem Kongo kamen über den See ans Ufer und brachten die Erreger mit. In Windeseile verbreitete sich dann die Krankheit ins Landesinnere, zum Schrecken für jedes Krankenhaus in der Umgebung. Für mich war es das erste Mal, dass ich mit einer Cholera Epidemie zu tun hatte. Im Nu waren alle Vorbereitungen getroffen. Von den Patienten, die wir gerade im Krankenhaus behandelten, wurden möglichst viele entlassen. Wir brauchten Betten, denn innerhalb weniger Stunden würden viele solcher Fälle zur Behandlung kommen. Alles wurde mobilisiert, die Krankenstation hermetisch abgeriegelt. Wenige Wochen vorher hatten wir zum Glück noch einige hundert Flaschen Infusionslösungen erhalten. Wir würden sie brauchen können.

Sr. Elfi hatte Recht. Im Laufe des folgenden Tages füllte sich der große Krankensaal mit den über 20 Betten. Der Krankheitsverlauf war typisch. In der Regel dramatisch. Die Behörden wurden informiert. Wir brauchten keine weitere Diagnostik. Die Sache war klar. Für 2 Wochen hielt uns die Epidemie in Atem. Alle unsere Infusionslösungen waren innerhalb weniger Tage aufgebraucht. Verzweifelt versuchten wir aus umliegenden Krankenhäusern Nachschub zu bekommen. Aber auch dort wurden Cholera-Patienten behandelt.

Das Ganze ist jetzt 10 Jahre her. Wie viele Patienten damals starben, weiß ich nicht mehr. Es waren viele, trotz des unermüdlichen Einsatzes aller Mitarbeiterinnen.

Wenn ich von einem Cholerafall lese oder höre, sehe ich diese Bilder von damals vor mir. Auch heute zählt die Kigoma-Region nach wie vor zu den Gebieten, in denen Cholera häufig vorkommt.



Gerd Propach


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