Ein Beamter

Wie ein deutscher Beamter sich in einem Entwicklungsprojekt engagiert

Engagement in der Dritten Welt ist zunächst eine Herzenssache. Scheinbar zufällige Erfahrungen und Erlebnisse, Freundschaften und Begegnungen öffnen, setzen in Bewegung, verändern, schaffen neue Einsichten, lassen Taten folgen. So stand am Anfang meines Engagements in der Medizinischen Missionshilfe (MMH) die Freundschaft mit dem Ehepaar Propach. Da lebt man als Lehrer abgesichert, gutbiirgerlich, und einem nahestehende Menschen brechen alles hinter sich ab und sehen ihren Auftrag in einem fremden, ganz anderen Land. Warum sie und nicht ich ? Und welche Möglichkeiten der Begleitung gibt es, um einen kleinen bescheidenen Beitrag zur Unterstützung zu leisten?
Da brechen Fragen auf, die dem eigenen Lebensstil gelten. Die theoretische distanzierte Beschäftigung wird zunehmend konkreter. Auf einmal komme ich in dem Thema vor.
Es folgt ein erster Besuch mit meiner Familie in Tansania, um den Kontakt zu den Freunden zu halten, ihnen ein wenig Heimat in der Fremde zu geben. Sie standen im Mittelpunkt, weniger die Arbeit, die sie taten. Aber man lernt vieles kennen. Man sieht es mit den eigenen Augen, hört die fremdartigen Worte aus erster Hand, erfasst die Sehnsucht der Menschen nach einem gefüllten Leben. Vieles bleibt unverständlich, verwirrend. Hilflos steht man vor dem so anderen Leben. Ein Gespräch mit 25 einheimischen Lehrern einer Primarschule über das, was Schule ausmacht, in Deutschland und in Tansania, fordert mich heraus, nicht wegen meiner mangelhaften Englischkenntnisse, sondern in der Rechtfertigung meiner eigenen Lebenswirklichkeit. Je mehr man erfährt, desto größer und unlösbarer scheinen die Probleme zu werden. Und man fühlt sich nicht gut dabei.
Was bleibt nach dem Besuch ? Nun, der Stachel sitzt. Er sticht immer wieder, bringt sich in Erinnerung, macht auf die Menschen aufmerksam, die ich in Tansania kennen lernte.

Was kann ich tun?
Durch die Arbeit von Gerd Propach entsteht der Kontakt zu einem tansanischen Medical Assistant, Gideon Kibambai. Er möchte in einem abgelegenen, medizinisch kaum versorgten Gebiet am Tanganyika-See eine Dorfgesundheitsarbeit aufbauen und bittet um Unterstützung. Das war der Anfang. Hier kann ich auch von meinem Beamtensessel aus unterstützend tätig werden und einen kleinen bescheidenen Beitrag für die Menschen in Afrika leisten.
Faszinierend und motivierend an diesem Dorfgesundheitsprojekt, dem „Bugamba Rural Health Programme", erscheint mir Folgendes:
Die Initiative geht von der einheimischen Bevölkerung aus. Zusammen mit den Menschen vor Ort entwickelt Gideon Kibambai die Schwerpunkte seiner Arbeit. Diese Menschen wissen doch viel besser als wir in unserem kulturellen Unverständnis, was notwendig und notwendend ist. Sie werden nicht „bedient", sondern gestalten selbstbewusst und selbstständig ihr Projekt. Hilfe von außen geschieht ausschließlich auf Anforderung hin und besteht in finanzieller Unterstützung beim Kauf von Medikamenten, im Bau und Unterhalt von Behandlungsgebäuden, in der Bezahlung von einheimischen Mitarbeitern. Das Projekt ist mehr als eine Behandlungsstation in einem medizinisch nicht versorgten Gebiet. Das Programm versucht darüber hinaus, die krankmachenden Lebensbedingungen der Menschen zu verändern. Die Arbeit wird von Christen in einem islamischen Umfeld getan. Durch die enge Zusammenarbeit mit der Dorfverwaltung wird ein friedliches Miteinander der Bevölkerungsgruppen gefördert. In diesem Rahmen kann dann glaubwürdig das den ganzen Menschen umfassende Heil bezeugt werden.
Basis hier unterstützt Basis dort. Eine kleine Gruppe in Deutschland teilt und fördert damit ein kleines bescheidenes Projekt in Tansania. Ohne großen Umweg werden auf direktem Wege namentlich und persönlich bekannte Menschen begleitet. Die Unmittelbarkeit des Kontaktes wirkt sich auf die Bereitschaft des Engagements nur positiv aus.
Mittlerweile wurde eine tansanische Nichtregierungsorganisation in Ki-goma unter dem Namen Medical Mission Support (MMS) gegründet. Medical Mission Support ist vom Staat anerkannt als sog. „trust fund" und versucht, Impulse für eine gemeindebezogene Dorfentwicklungs- und Gesundheitsarbeit in der Kigoma-Region zu setzen. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit Regierungsstellen und mit anderen Organisationen, die in dem Bereich der Dorfentwicklung arbeiten.

Ausgangspunkt war: Wie kann ich helfen? Bei der Beschäftigung mit diesen Fragen und einem weiteren Besuch in Tansania wird deutlich: Die Probleme dort sind verknüpft mit meiner eigenen Lebenssituation. Veränderungen im fernen Afrika setzen Veränderungen hier bei uns voraus. So bleibt es nicht aus, sich Fragen wie diesen zu stellen: An welcher Stelle kann oder muss ich meinen eigenen Lebensstil ändern? Wo muss ich mich selber verändern lassen?
So bleibt dieses Engagement keine Einbahnstraße. Es hilft, die Gestaltung des eigenen Lebens kritisch zu hinterfragen und den Weg in der Nachfolge glaubwürdiger zu gehen.

Gerhard Schöps

entnommen aus: "Geht hin und heilt", Zeichen der Freundlichkeit Gottes, Portastudie 20, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Francke Verlag, Marburg 2002


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